Zwischen Skorpion und Schütze steht ein Sternbild, das kein Horoskop führt und kein gedruckter Mondkalender nennt. Die Sonne zieht jedes Jahr achtzehn Tage lang hindurch, der Mond jeden Monat. Es heißt Schlangenträger, lateinisch Ophiuchus, und es ist astronomisch genauso wirklich wie die zwölf berühmten.
Heute ist der 11. August 2026. Der Mond steht im Sternbild Krebs, die Sonne im Sternbild Löwe. Wenn dort gerade der Schlangenträger steht, siehst du eine Auskunft, die in keinem anderen deutschsprachigen Mondkalender zu finden ist.
Was der Schlangenträger ist
Ein großes Sternbild am Sommerhimmel, das einen Mann zeigt, der eine Schlange hält — der Kopf des Mannes steht hoch, seine Füße reichen bis auf die Ekliptik hinunter. Genau dieser Fuß ist der Grund für die ganze Geschichte: Er ragt in die Bahn hinein, auf der Sonne, Mond und Planeten über den Himmel laufen.
Die Figur gilt seit der Antike als Asklepios, der Heilkundige, dem der Schlangenstab als Zeichen zugeordnet ist — dasselbe Symbol, das bis heute an Apotheken hängt. Das Sternbild stand schon im Katalog des Ptolemäus, ist also so alt wie die zwölf anderen und keineswegs eine moderne Zutat.
Sein hellster Stern heißt Ras Alhague, arabisch für „Kopf des Schlangenbeschwörers“. Wer im Sommer nach Süden schaut, findet ihn zwischen Wega und Antares.
Warum er in keinem Horoskop steht
Der Tierkreis der Astrologie hat zwölf Felder von je dreißig Grad. Zwölf, weil die Zahl teilbar ist und weil das Jahr zwölf Monate hat — nicht, weil am Himmel genau zwölf Sternbilder auf der Ekliptik lägen.
Als die Einteilung in Babylon entstand, war das eine bewusste Vereinfachung: aus einer unregelmäßigen Reihe von Sternbildern ein gleichmäßiges Rechenraster machen, mit dem sich Positionen angeben lassen. Der Schlangenträger fiel dabei heraus. Sein Abschnitt der Ekliptik wurde den Nachbarn zugeschlagen, im Wesentlichen dem Schützen.
Das ist keine Verschwörung und kein Versehen. Es ist der Preis eines Rasters — nur wird der Preis heute selten mitgenannt.
1928 hat die Internationale Astronomische Union die Sternbildgrenzen verbindlich festgelegt, ausgearbeitet vom belgischen Astronomen Eugène Delporte. Seither ist jeder Punkt am Himmel eindeutig einem Sternbild zugeordnet, mit exakten Grenzlinien statt mit Umrissfiguren. Nach dieser Festlegung liegen dreizehn Sternbilder auf der Ekliptik. Das ist der Stand der Astronomie, und daran hat sich seit fast hundert Jahren nichts geändert.
Wie lange Sonne und Mond darin stehen
Der Schlangenträger nimmt knapp neunzehn Grad der Ekliptik ein — mehr als der Skorpion, der es auf sechseinhalb Grad bringt.
Die Sonne steht 2026 vom 29. November bis zum 18. Dezember im Schlangenträger, also gut achtzehn Tage. Wer in diesem Fenster Geburtstag hat, ist im Zeitungshoroskop Schütze und hat die Sonne tatsächlich im Schlangenträger.
Der Mond zieht jeden Monat hindurch und braucht dafür rund anderthalb Tage. Über das Jahr 2026 summiert sich das auf 20,6 Tage — mehr als er im Skorpion verbringt, der auf 7,2 Tage kommt. Ein Sternbild, das in keinem Kalender vorkommt, beansprucht damit fast dreimal so viel Mondzeit wie eines der zwölf berühmten.
Die Reihenfolge auf der Ekliptik lautet also: Waage, Skorpion, Schlangenträger, Schütze. Der Skorpion ist kurz, der Schlangenträger lang — im Kalender ist es genau umgekehrt.
Was das für einen Mondkalender bedeutet
Hier trennen sich die Wege, und zwar an einer Stelle, die sich niemand aussuchen kann.
Ein Kalender, der mit den echten Sternbildern rechnet, muss entscheiden, was er mit anderthalb Tagen im Monat macht. Es gibt drei Möglichkeiten:
- Den Schlangenträger anzeigen. Ehrlich, aber es gibt keine überlieferte Regel dazu — die Überlieferung ist an zwölf Sternbildern entstanden.
- Den Abschnitt dem Nachbarn zuschlagen. Bequem, und genau das tun die meisten: Sie strecken Skorpion oder Schütze über das Loch.
- Die Grenzen der zwölf so verschieben, dass sie den Himmel lückenlos aufteilen. Dann stimmt kein Sternbild mehr mit dem überein, was am Himmel steht.
Wir zeigen ihn an. Wenn der Mond im Schlangenträger steht, sagen wir das, statt ihn in ein Nachbarsternbild einzusortieren. Er wird in unserem Regelwerk mit dem Wasser-Element und den Blatt-Tagen geführt — der Nachbarschaft zum Skorpion folgend, aus der sein Abschnitt historisch stammt. Das ist eine Setzung und keine überlieferte Regel, und wir sagen es lieber offen, als so zu tun, als gäbe es diese anderthalb Tage nicht.
Der praktische Nutzen liegt woanders: Wer weiß, dass der Mond gerade im Schlangenträger steht, weiß auch, warum zwei Kalender sich an genau diesen Tagen besonders deutlich widersprechen. Der eine nennt Skorpion, der andere Schütze, und beide strecken ihre Angabe über einen Abschnitt, der keinem von beiden gehört.
Im Mondkalender siehst du für jeden Tag, in welchem der dreizehn Sternbilder der Mond steht — mit Uhrzeit des Übergangs.
Der Aufreger, der alle paar Jahre wiederkommt
Ungefähr im Rhythmus von fünf Jahren geht dieselbe Meldung durch die Presse: Die NASA habe ein dreizehntes Sternzeichen eingeführt, alle Sternzeichen verschöben sich, man sei plötzlich jemand anderes.
An der Geschichte stimmt zweierlei nicht.
Die NASA hat nichts eingeführt. Die Behörde hatte auf einer Bildungsseite für Kinder erklärt, dass die Ekliptik durch dreizehn Sternbilder führt — eine astronomische Selbstverständlichkeit, gedruckt seit 1928. Von Astrologie war dort nicht die Rede.
Und verschoben hat sich nichts. Der Schlangenträger liegt seit Jahrtausenden dort, wo er liegt. Was sich langsam verschiebt, ist etwas anderes: der Frühlingspunkt, der durch die Präzession rückwärts durch die Sternbilder wandert. Dadurch sind die Zeichen des Horoskops von ihren Namensgebern am Himmel abgerückt — das ist der eigentliche Befund, und er hat mit dem Schlangenträger nichts zu tun. Mehr dazu im Artikel über die zwei Tierkreise.
Die nüchterne Fassung: Die Astrologie rechnet mit zwölf gleich großen Feldern und tut das seit zweitausend Jahren mit vollem Wissen darüber, dass die Sternbilder anders aussehen. Die Astronomie zählt dreizehn Sternbilder auf der Ekliptik. Beides ist unverändert richtig, und keine der beiden Seiten hat der anderen etwas weggenommen.
Häufige Fragen
Gibt es wirklich ein 13. Sternzeichen?
Es gibt ein dreizehntes Sternbild auf der Ekliptik: den Schlangenträger. Ein dreizehntes Sternzeichen im Sinne der Astrologie gibt es nicht — der Tierkreis der Horoskope besteht aus zwölf gleich großen Feldern, und das war immer eine Setzung, keine Abbildung des Himmels.
Wann steht die Sonne im Schlangenträger?
2026 vom 29. November bis zum 18. Dezember, also gut achtzehn Tage. Die Daten verschieben sich von Jahr zu Jahr nur um Stunden.
Was für ein Sternzeichen wäre ich als Schlangenträger?
Im Horoskop bleibst du Schütze — in dieses Feld fällt der Abschnitt. Am Himmel steht die Sonne an diesen Tagen im Schlangenträger.
Warum ist der Schlangenträger nicht im Tierkreis?
Weil der Tierkreis in Babylon als Rechenraster mit zwölf gleich großen Abschnitten angelegt wurde. Der Schlangenträger passte nicht in die Zwölfteilung; sein Abschnitt wurde den Nachbarn zugeschlagen.
Hat die NASA ein neues Sternzeichen eingeführt?
Nein. Die NASA hat auf einer Kinderseite erklärt, dass die Ekliptik durch dreizehn Sternbilder verläuft — Astronomie, keine Astrologie. Die Grenzen stehen seit 1928 fest und wurden seither nicht geändert.
Wie lange steht der Mond im Schlangenträger?
Rund anderthalb Tage pro Umlauf, über das Jahr 2026 summiert 20,6 Tage. Zum Vergleich: im Skorpion steht er nur 7,2 Tage.
Zeigt Himmelsuhr den Schlangenträger an?
Ja. Wir rechnen mit den IAU-Sternbildgrenzen von 1928 und zeigen den Schlangenträger als das, was er ist — statt seinen Abschnitt still einem Nachbarn zuzuschlagen.